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Expertenwissen aus Baden-Württemberg

Hantavirus: Was Sie wissen müssen

Hantaviren gehören zur Gattung Orthohantavirus und werden primär durch Nagetiere übertragen. In Baden-Württemberg gehören wir zu den bundesweit am stärksten betroffenen Regionen. Informieren Sie sich über Symptome, Übertragung und Schutzmaßnahmen.

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Was ist Hantavirus?

Hantaviren gehören zur Familie Hantaviridae und bilden innerhalb der Ordnung Bunyavirales die Gattung Orthohantavirus. Es handelt sich um eingehüllte Viren mit einem einzelsträngigen, negativen RNA-Genom, das aus drei Segmenten besteht: S (Nukleokapsid-Protein), M (Glykoproteine Gn und Gc) und L (RNA-abhängige RNA-Polymerase).

Die Virionen sind etwa 80–120 nm groß und relativ stabil in der Umwelt: In trockenem Mäusekot und Staub können sie mehrere Tage bis Wochen infektiös bleiben — besonders bei niedrigen Temperaturen und vor UV-Licht geschützt. Diese Umweltstabilität macht sie zu einem besonderen Risiko in Kellern, Dachböden und Schuppen.

Wichtig für Hausbesitzer

Hantaviren sind enveloped Viren (mit Lipidhülle). Das bedeutet: Lipidlösende Desinfektionsmittel und viruzide Mittel nach EN 14476 wirken sehr zuverlässig gegen Hantaviren. Professionelle Dekontamination ist daher eine nachweisbare Sicherheitsmaßnahme.

Hantavirus erkennen, vorbeugen und bekämpfen

Viren & Krankheitsformen

In Europa und Deutschland sind vier Hantavirus-Typen von Bedeutung. Jeder Typ ist eng an ein bestimmtes Nagetier als Reservoirwirt gebunden (Co-Evolution).

VirusReservoirwirtVerbreitungSchweregradLetalität
Puumala-Virus (PUUV)Rötelmaus (Myodes glareolus)Nord- und Mitteleuropa, Deutschland (auch BW)Mittel (leichte bis mittlere HFRS)< 1 %
Dobrava-Belgrad-Virus (DOBV)Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis)Süd- und Osteuropa; in BW vereinzeltSchwer (schwere HFRS)10–12 %
Tula-Virus (TULV)Feldmaus (Microtus arvalis)Mitteleuropa, Germany (landwirtschaftliche Gebiete)Sehr mild oder asymptomatischKeine Todesfälle bekannt
Seoul-Virus (SEOV)Wanderratte (Rattus norvegicus)Weltweit in Hafenstädten; Deutschland seltenMittel (HFRS)1–2 %

HFRS — Hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom

In Europa die dominante Krankheitsform. Beginnt mit hohem Fieber, gefolgt von Nierenbeteiligung (Proteinurie, Ödeme), Thrombozytopenie und Kapillarleckage. Die meisten Fälle in Deutschland werden durch PUUV verursacht und verlaufen mittelschwer.

HPS — Hantavirus-Pulmonales Syndrom

Primär in Nord- und Südamerika verbreitet. Führt zu akuter Atemnot (ARDS-ähnliches Bild) und hat eine hohe Letalität von 30–50 %. In Europa ist HPS extrem selten. Dennoch ist das Wissen darum wichtig für Reisende.

Symptome & Krankheitsverlauf

Ein Hantavirus-Verlauf durchläuft typischerweise vier Phasen. Die Inkubationszeit beträgt durchschnittlich 12–21 Tage, kann aber von 5 bis 42 Tagen variieren.

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1. Inkubationsphase

5–42 Tage (typisch 12–21)

Keine Symptome. Das Virus vermehrt sich im Körper.

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2. Prodromalphase

1–3 Tage

Plötzliches hohes Fieber (>39°C), Schüttelfrost, Kopf- und Muskelschmerzen (besonders Rücken und Oberschenkel), Übelkeit, Erbrechen, Photophobie.

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3. Akute Phase (HFRS)

3–7 Tage

Nierenbeteiligung (Oligurie, Proteinurie), Thrombozytopenie, Kapillarleckage mit Ödemen (typisch: Gesichtsödem), Hypotonie, petechiale Blutungen.

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4. Rekonvaleszenz

Wochen bis Monate

Polyurie, langsame Erholung der Nierenfunktion, anhaltende Müdigkeit und Leistungsschwäche.

Hinweis: Nicht jede Infektion führt zu einem schweren Verlauf. Viele Menschen durchleben Hantavirus asymptomatisch oder mit grippeähnlichen Symptomen. Werden Sie dennoch bei Verdacht ärztlich untersucht.

Wie überträgt sich Hantavirus?

Die Übertragung erfolgt fast ausschließlich über Nagetierausscheidungen. Das Virus wird nicht von Mensch zu Mensch übertragen — ein wichtiger Unterschied zu vielen anderen Infektionskrankheiten.

Aerosol-Übertragung (Hauptweg)

Risiko: Hoch

Trockener Mäusekot, Urin und Speichel werden beim Aufwirbeln (z. B. durch Fegen, Staubsaugen oder Lüften) zu infektiösen Aerosolen. Einatmen dieser Partikel ist die häufigste Infektionsursache.

Direkter Kontakt

Risiko: Mittel

Berühren von kontaminierten Oberflächen und anschließendes Berühren von Mund, Nase oder Augen. Auch offene Hautwunden können ein Eintrittspforte sein.

Nagetierbiss

Risiko: Niedrig

Selten, aber möglich. Besonders bei der Arbeit im Keller, Dachboden oder bei Schädlingsbekämpfung.

Indirekter Kontakt (Kontaminierte Gegenstände)

Risiko: Mittel

Transport von verunreinigtem Holz, Kartons oder Gegenständen aus dem Keller. Virus kann auf Händen oder Kleidung übertragen werden.

Hantavirus-Übertragungszyklus

Nagetier-ReservoirUmwelt & AerosoleMenschliche Exposition🐭Mäuse & RattenKot, Urin, Speichel💨Staub & AerosoleEinatmen von Aerosolen🧍Mensch (Atemwege)Seltener: Hautkontakt⚠️ Keine direkte Mensch-zu-Mensch-Übertragung bekannt

Achtung: Nie trocken aufwirbeln!

Das größte Gefahrenpotential liegt in der Ausbreitung virushaltiger Partikel durch trockenes Fegen, Staubsaugen oder Lüften in kontaminierten Räumen. Besonders gefährlich sind:

  • Keller- und Dachbodensanierungen ohne Schutzmaßnahmen
  • Frühjahrsputz in lang nicht genutzten Räumen
  • Renovierungen alter Gebäude mit Mäusebefall
  • Umgang mit Holz, Kartons oder Baumaterial aus befallenen Bereichen

Risikogruppen in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg zählt zu den am stärksten betroffenen Bundesländern Deutschlands. Die Kombination aus dichten Laubwäldern (Eiche, Buche, Linde), mildem Klima und hoher landwirtschaftlicher sowie forstwirtschaftlicher Aktivität schafft ideale Bedingungen für Nagetiere als Reservoirwirte.

Forstwirte und Waldarbeiter (Schwarzwald, Ortenau)
Landwirte und Erntehelfer (Getreide-, Mais- und Obstanbau)
Sanitär- und Kanalarbeiter (Kontakt zu Wanderratten)
Bauarbeiter und Renovierer (Altbausanierung, Dämmung)
Gebäudereiniger (Keller-, Dachboden- und Schuppenreinigung)
Camper und Naturliebhaber (Bodensee-Umland, Hegau)
Hausbesitzer mit Waldrandlage oder altem Bestand (vor 1980)

Regionale Risikoeinschätzung (Baden-Württemberg)

Schwarzwald-Baar-Kreis Sehr hoch
Ortenaukreis Sehr hoch
Konstanz / Bodenseekreis Hoch
Ravensburg Hoch
Lörrach Hoch
Tuttlingen Mittel-Hoch
Sigmaringen Mittel-Hoch
Tübingen / Reutlingen Mittel
Stuttgart Niedrig-Mittel

Quelle: RKI SurvStat, LANUV Baden-Württemberg — Jahresdurchschnitt 2019–2024. Die Einschätzung basiert auf meldepflichtigen Erkrankungen pro 100.000 Einwohner.

Aktuelle Fallzahlen & Risikogebiete

Deutschland verzeichnet jährlich bundesweit 1.800–3.500 Hantavirus-Erkrankungen. Baden-Württemberg liegt mit 300–500 Fällen pro Jahr konstant unter den Top-3-Bundesländern. Die Dunkelziffer wird auf das 3- bis 5-fache geschätzt.

300–500
Fälle/Jahr in BW
(labordiagnostisch bestätigt)
~1 %
Letalität (PUUV)
(bei rechtzeitiger Behandlung)
Saisonale Peaks
(Frühjahr & Herbst)

Saisonale Verteilung in BW

Frühjahr (März–Juni) 35–40 %

Keller- und Dachbodensäuberungen nach dem Winter; erhöhte Nagetieraktivität

Sommer (Juli–August) 10–15 %

Niedrigste Inzidenz; Nagetiere halten sich vorwiegend im Freien auf

Herbst (September–November) 35–45 %

Zweite Nagetierreproduktionsperiode; Rückzug in Gebäude vor dem Winter; Erntearbeiten

Winter (Dezember–Februar) 10–15 %

Niedrige Übertragungsrate; geringe menschliche Aktivität in Außenbereichen

Temporäre Hantavirus-Risikokarte Baden-Württemberg

Risikokarte Baden-Württemberg

Visuelle Übersicht der wichtigsten Endemie- und Risikoregionen.

Temporäre Visualisierung

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Häufig gestellte Fragen

Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Hantavirus-Bekämpfung und Dekontamination.

Wie lange überlebt Hantavirus außerhalb des Wirtes?
Hantaviren können in trockenem Mäusekot und Staub mehrere Tage bis Wochen infektiös bleiben. Bei 4°C und geschützt vor UV-Licht überleben sie besonders lange. Direktes Sonnenlicht und viruzide Desinfektionsmittel inaktivieren sie jedoch zuverlässig.
Ist Hantavirus ansteckend von Mensch zu Mensch?
Nein, in Europa ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch beim Hantavirus (HFRS) nicht bekannt. Die Infektion erfolgt ausschließlich über kontaminierte Aerosole, direkten Kontakt mit Nagetierausscheidungen oder Wunden.
Was tun bei Mäusekot im Keller oder Dachboden?
Nie trocken aufwischen oder staubsaugen — dies erzeugt gefährliche Aerosole! Tragen Sie mindestens FFP2-Maske und Handschuhe, benetzen Sie den Kot mit viruzidem Desinfektionsmittel, lassen Sie es einwirken und wischen Sie dann feucht auf. Bei größeren Mengen oder Verdacht auf Hantavirus: Rufen Sie einen Fachbetrieb.
Wie hoch ist die Sterblichkeit bei Hantavirus?
Die Sterblichkeit hängt vom Virustyp ab. Puumula-Virus (PUUV) in Deutschland hat eine Sterblichkeit von unter 1 %. Dobrava-Belgrad-Virus (DOBV) kann jedoch in seltenen Fällen 10–12 % erreichen. Frühe Diagnose und supportive Behandlung senken das Risiko deutlich.
Wie lange dauert die Inkubationszeit?
Die Inkubationszeit beträgt typischerweise 12 bis 21 Tage (Spannweite 5–42 Tage). Nach der Exposition gegenüber virushaltigem Staub oder Aerosolen entwickeln sich zunächst unspezifische Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen.
Welche Nagetiere übertragen Hantavirus in Baden-Württemberg?
In Baden-Württemberg sind vor allem die Rötelmaus (Myodes glareolus) und die Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) als Reservoirwirte relevant. Die Rötelmaus überträgt das Puumala-Virus (PUUV), die Gelbhalsmaus kann Dobrava-Belgrad-Virus (DOBV) tragen.
Wann ist die Hantavirus-Saison in BW?
In Baden-Württemberg gibt es zwei Hauptsaisonen: Frühjahr (April–Juni) und Herbst (September–November). Im Frühjahr werden Keller und Dachböden gesäubert, im Herbst steigt die Nagetieraktivität vor dem Winter. Nach Mastjahren (Eichelmast) folgt ein Jahr später ein Fällpeak.
Kann man Hantavirus mit UV-C oder Ozon bekämpfen?
Ja, beide Methoden sind wirksam. UV-C-Licht (254 nm) schädigt die virale RNA bei ausreichender Dosis und Belichtungszeit. Ozon (O₃) oxidiert die Virushülle und ist besonders für die Raumluftdesinfektion geeignet. Professionelle Anbieter kombinieren beide Methoden mit HEPA-Filtration und Wischdesinfektion.
Wie viele Hantavirus-Fälle gibt es jährlich in Baden-Württemberg?
Baden-Württemberg zählt zu den bundesweit am stärksten betroffenen Bundesländern. Pro Jahr werden hier 300–500 labordiagnostisch bestätigte Fälle gemeldet (RKI). Die Dunkelziffer wird auf das 3- bis 5-fache geschätzt, da viele Infektionen mild oder unbemerkt verlaufen.
Sollte ich mich impfen lassen gegen Hantavirus?
Derzeit gibt es keine zugelassene Hantavirus-Impfstoff in Europa. Der beste Schutz besteht in der Vermeidung von Nagetierkontakt, der professionellen Dekontamination verdächtiger Bereiche und dem Tragen von Schutzausrüstung (FFP3-Maske, Handschuhe) bei Arbeiten in Kellern, Dachböden und Schuppen.
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